Abstract
"Eine „Stählerne Romantik“ – so erläuterte Reichspropagandaminister Goebbels 1939 – sei das originäre Kennzeichen reichsdeutscher Befindlichkeit. Mythologie, Natur- und Heimatliebe sowie Fortschrittlichkeit und Technikbegeisterung verschmolzen im Dritten Reich zur spezifischen Form einer nationalsozialistischen Moderne, die Hitler ganz bewusst im deutschen Volk verankerte, um sie für seine imperialen Pläne nutzen zu können. Diese nationalsozialistische Moderne äußerte sich in mehr oder weniger greifbarer Form auch in den zeitgenössischen Biographien und Autobiographien der deutschen Silberpfeilpiloten.
Die prominenten deutschen Automobilrennfahrer Hans Stuck, Manfred von Brauchitsch, Bernd Rosemeyer, Rudolf Caracciola und Hermann Lang wurden von den braunen Machthabern umhegt und gefeiert – aber um den Preis der erwarteten Integration in die eigene Propaganda.
Das vorliegende Buch scheint auf den ersten Blick eine weitere Publikation auf dem reichlich beackerten Feld von Analysen zur Motorsportgeschichte des Nationalsozialismus zu sein. Dieser erste Eindruck täuscht, denn nicht die Fahrer Stuck, von Brauchitsch, Caracciola, Rosemeyer und Lang stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die von ihnen oder über sie verfasste Literatur. Zielsetzung dieses Buches war eine ganz andere, als die weitere Betrachtung historisch gesicherter Zusammenhänge rund um die Einbindung der Rennsportler in das nationalsozialistische System. Es wurde somit keine rein historische Analyse vorgenommen, vielmehr standen drei literaturwissenschaftlich relevante Fragen im Mittelpunkt der Publikation:
1. Durch welche Kennzeichen konstituiert sich die spezifische Form einer nationalsozialistischen Moderne?
2. Inwieweit sind Kennzeichen dieser neuen, nationalsozialistischen Moderne in den untersuchten Publikationen nachweisbar?
3. Lässt sich aus der Nachweisbarkeit dieser Kennzeichen eine Einbindung der Protagonisten in die nationalsozialistische Propaganda ableiten?
Der Technikhistoriker Frank O. Hrachowy untersuchte nun anhand der verbreitetsten Biographien und Autobiographien der damaligen deutschen Rennfahrer diese Einbindung. Hierzu konnte der Autor, der 2001 als Mitglied in die Automobilhistorischen Gesellschaft (AHG) in Berlin aufgenommen wurde, auf nicht der Öffentlichkeit zugängliches Archivmaterial im Mercedes-Benz-Archiv in Untertürkheim sowie im Archiv der Auto Union (Audi Tradition) in Ingolstadt zurückgreifen.
Bei der Suche nach einer Antwort muss natürlich die Rolle der Auftragsschreiber (Ghostwriter) und der Reichsschrifttumkammer als „Filter“ berücksichtigt werden, und natürlich auch, dass beispielsweise Bernd Rosemeyer keinen Einfluss auf seine posthum verfassten Lebensbeschreibungen haben konnte. Als besonders interessant zeigen sich die Publikationen Hans Stucks, die keinerlei nationalsozialistisches Gedanken- oder Symbolgut transportieren. Welche Rolle Hans Stuck im Nationalsozialismus gespielt hat, das lässt sich aus seinen Publikationen selbst textexegetisch schwer herauslesen. Eine historische Bewertung der Rennfahrer war bei einer Konzentration auf die literaturwissenschaftliche Untersuchung der Primärliteratur weder möglich noch beabsichtigt, denn dies hätte andere Quellen und Ansätze erfordert. Hätte man jedoch die Rennpiloten unter dem Gesichtspunkt ihrer tatsächlichen Einbindung in die nationalsozialistische Gesellschaft untersucht, so wäre gerade die Person Hans Stuck deutlich differenter zu beurteilen gewesen.
Aber gerade diese Historikerperspektive sollte explizit nicht in die Betrachtung innerhalb der Untersuchung einfließen, vielmehr muss diese Arbeit als literaturwissenschaftliche Ergänzung zur historischen Forschung gewertet werden, die neue Perspektiven und Wertungsansätze ermöglicht. Beurteilt und im Kapitel Fazit rubriziert werden daher auch nicht die Rennfahrer – sondern logischerweise die Publikationen."
|