Abstract
"Der Nationalpark Hochharz in Sachsen-Anhalt geht - wie mehrere andere in Ostdeutschland auch - auf einen im Jahr 1990 gefassten Beschluss der letzten, bereits demokratisch legitimierten DDR-Regierung zurück, die damit ihr Nationalparkprogramm sicherte. Als Veranstalter wissenschaftlicher Tagungen hat die Nationalparkverwaltung Hochharz im Jahr 2001 einen Paradigmenwechsel im Naturschutz thematisiert, der durch die Hinwendung zu einem so genannten Prozessschutz gekennzeichnet ist. Prozessschutz bedeutet, in den Kernzonen das Werden und Vergehen von Lebewesen in Lebensräumen zu gewährleisten, die vom Menschen ungestört bleiben. In den benachbarten Nationalparken Hochharz (Sachsen-Anhalt) und Harz (Niedersachen) wird Prozessschutz auf einer Fläche von insgesamt 250 Quadratkilometern betrieben, das sind etwa zehn Prozent des gesamten Harzes.
Der Sammelband "Von der Naturdenkmalpflege zum Prozessschutz in den Nationalparken" beinhaltet dreizehn Beiträge zur 5. Wissenschaftlichen Tagung des Nationalparks Hochharz, die im August 2001 in Wernigerode stattgefunden hat. Mit der Veranstaltung haben sich die Herausgeber nach eigener Auskunft die Aufgabe gestellt, sich auf die Naturschutzgeschichte zurückzubesinnen und einen Brückenschlag zum pflegenden Naturschutz, zum Biotopschutz und zur Kulturlandschaftspflege zu leisten. Das Thema dieses Bandes klinkt sich damit in die aktuell geführte Debatte zur heutigen und zur künftigen Ausrichtung des Naturschutzes in den großräumigen Schutzgebieten ein (Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparke). Konkret geht es darum, welche Schutzgebietsphilosophie in den heutigen Nationalparken verfolgt werden soll und wie man dem Auftrag zur Sicherung des Naturerbes unter den aktuellen Rahmenbedingungen am ehesten gerecht werden kann.
Dieser Frage gehen die ersten fünf Beiträge des Bands auf rund hundert Seiten in größtenteils wissenschaftlich fundierter Darstellung nach. Reinhard Piechocki von der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm skizziert den Wandel des Naturschutzverständnisses im Verlauf der letzten einhundert Jahre. Dabei werden in einer Zeitreihe die Stationen der Naturdenkmalpflege, des Artenschutzes, des Biotopschutzes, des Ökosystemschutzes bis hin zum Prozessschutz als "Leitphilosophien" des Naturschutzes kritisch diskutiert. Der Autor stellt jedoch in seinem Fazit fest, dass auch diese reformierten Leitphilosophien bis heute nicht in der Lage waren, das Artensterben zu stoppen. Die Gründe für das Versagen des Naturschutzes und die Ansätze zur Überwindung dieser Widerstände werden thesenartig dargelegt.
Hermann Behrens liefert einen Beitrag zum Thema "Vom Reservatsschutz zur Landschafts-Agenda 21".
Er behandelt die Entwicklungsgeschichte des Naturschutzes in Deutschland und wertet in diesem Zusammenhang zahlreiche DDR-Quellen aus. Angefangen bei der Landschaftsverschönerung Lennescher Prägung, über den Heimatschutz (E. Rudorff), die Naturdenkmalpflege (H. Conwentz) und erste Landschaftsplanungen verdeutlicht er den Weg des staatlichen Naturschutzes in Deutschland.
Die Zielvorstellungen einer Naturschutzstrategie des Landes Sachsen-Anhalt und der Naturschutz in der Kulturlandschaft werden in zwei kurzen Beiträgen von Joachim Müller und Lutz Reichhoff dargestellt. Uwe Wegener, Leiter des Nationalparks Hochharz, beschäftigt sich mit der Nutzung von Nationalparken in den einzelnen Schutzzonen. Bereits heute unterliegen "erhebliche Teile der Nationalparke (Kernzonen) der natürlichen Dynamik und es gibt für diese Wildnisgebiete einen deutlichen Nachholbedarf, der allerdings einen Bewusstseinswandel in der Naturschutzpolitik voraussetzt".
Der zweite Teil des Sammelbands besteht aus Beiträgen, die sich mit speziellen Aspekten der wissenschaftlichen Begleitung der natürlichen Entwicklung des Nationalparks Hochharz beschäftigen. Dabei geht es unter anderem um die Möglichkeiten des botanischen Artenschutzes, Untersuchungen an Spinnen und Laufkäfern, Moordynamik, Naturwaldforschung, Waldumbau und Renaturierungen - Einzelfragen des Naturschutzes also, die für das konkrete Schutzgebiet bzw. Schutzobjekt eine hohe Bedeutung besitzen, die für einen breiteren Leserkreis allerdings von geringerer Relevanz sein dürften.
Wer sich Aussagen und Erkenntnisse zum Verhältnis von Gebietsschutz und regionaler Entwicklung im Sinne einer Darstellung von Modellregionen für nachhaltiges Wirtschaften erhofft, wird bei der Veröffentlichung leider nicht auf seine Kosten kommen. Das Buch überzeugt jedoch den planerisch und kulturhistorisch interessierten Leser durch eine komprimierte und fundierte Darstellung der Naturschutzstrategien und der Naturschutzpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Sichtweise von Vertretern des Naturschutzes aus den neuen Bundesländern, die einen zum Teil sehr spezifischen Blick auf die Geschichte des Gebietsschutzes in der ehemaligen DDR werfen, unterscheiden das Buch von anderen Abhandlungen zur Schutzgebietspolitik in Nationalparken." Peter Schaal, Vechta
RaumPlanung 108/9, Juli/August 2003, S. 165
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