Abstract
Der im Untertitel erwähnte ethnische Aspekt steht im Mittelpunkt von Olumis Analyse der Taliban und Afghanistans. Die Instrumentalisierung der Ethnizität durch einzelne Warlords führte zur fragmentierten Situation wie wir sie heute vorfinden. Die Darstellung der Entwicklung der Taliban sowie der Struktur und Zielsetzungen ihrer Herrschaft, aber auch die Analyse der Zerfallsprozesse staatlich organisierter Macht tragen zur Klärung der Frage bei, warum die Afghanen "der Verführung durch ethnische Unternehmer nicht widerstanden und gegen die eigenen Landsleute in den Kampf zogen" (140). Olumi leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufschlüsselung der Situation in Afghanistan mit all ihren Cleavages, die bisher auch von der westlichen Politik noch (zu) wenig verstanden werden. Die etwas unübersichtliche Gliederung schmälert den Wert der Studie in keiner Weise. KÜ
ZPol-Bibliografie 4/03
Die Ereignisse des 11. Septembers 2001 lösten eine wahre Lawine an Büchern aus, die über den Afghanistankonflikt und die Herrschaft der Taliban erschienen sind. Die meisten dieser Publikationen sind im populärwissenschaftlichen Bereich angesiedelt und trugen nicht wesentlich zur Erhellung der Hintergründe des Afghanistankonflikts und der Herrschaft der Taliban bei. Die Veröffentlichung von Yama Olumi ist einer der bislang wenigen Versuche, die Bürgerkriegsereignisse der 90er Jahre sowie die Taliban Herrschaft wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dass sich zudem mit Yama Olumi ein Afghane an das in Afghanistan äußerst emotional beladenen und heikle Thema "Ethnizität" heranwagt, ist umso begrüßenswerter.
Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel. Im ersten Kapitel setzt sich Olumi mit theoretischen Ansätzen von Ethnizität, Stamm, Volk und Nation auseinander. Hier geht er kursorisch auf die wesentlichen Grundlinien der wissenschaftlichen Diskussion ein, also vor allem auf primordialistische und konstruktivistische Ethnizitätsmodelle. Im letzten Unterkapitel stellt Olumi eine Synthese beider Forschungsansätze vor, die "situativ-primordiale Interpretation" (S. 27-29), die jedoch für ein besseres Verständnis weiterer Ausführung bedurft hätte. Überhaupt bedingt die Knappheit des Theoriekapitels, dass viele Ansätze der Ethnizitätsforschung zwar angerissen werden, aber nicht in ein übergeordnetes Konzept eingearbeitet werden. So ist ein wesentlicher Schwachpunkt des Theoriekapitels, dass Olumi Definitionen der Schlüsselbegriffe "ethnische Gruppe", "Ethnizität" und "ethnische Identität" nicht vorlegt und seine wissenschaftliche Positionierung innerhalb der Ethnizitätsdiskussion verschwommen bleibt. Diese Schwachstelle kristallisiert sich besonders im Verlauf der folgenden Kapitel heraus und verdichtet sich zu einem grundlegenden Problem der gesamten Arbeit. So gibt Olumi zu Anfang des zweiten Kapitels einen Überblick über die ethnische Vielfalt Afghanistans, in dem er die ethnischen Gruppen als fest umrissene, seit unbestimmter Zeit verankerte Größen, mit einem klar definierten kulturellen Inventar versteht. Dagegen betont Olumi in der Schlussbetrachtung seines Buchs (5. 134-140) die Instrumentalisierung des Ethnischen im Verlauf des Afghanistankriegs. Olumi lässt daher den Leser im Unklaren, ob er Ethnizität im afghanischen Kontext als eine permanent wirkende Kraft oder eher als eine konstruierte Größe versteht.
Im Anschluss an den Überblick über die ethnischen Gruppen in Afghanistan erfährt das zweite Kapitel einen Perspektivenwechsel. Nun geht Olumi auf die gesellschaftliche Herkunft der Taliban und die politische Entwicklung dieser Bewegung ein, während die Relevanz des Ethnischen im Verlauf des Kapitels sukzessive an Bedeutung verliert und nur schlagartig - etwa bei der Behandlung der Massaker von Mazar-i Sharif - hervorgehoben wird. Jedoch dadurch dass sich Olumi hier von seiner gesetzten Bezugsgröße "Ethnizität" entfernt, verdeutlicht er unausgesprochen, dass die Herrschaft der Taliban im Spezifischen wie auch der Afghanistankonflikt im Generellen nicht auf die ethnische Logik verkürzt werden können, sondern sich verschiedene Konfliktlinien überlappen. Dies wird in Kapitel 3 besonders deutlich, in dem Olumi auf die Innen- und Außenpolitik der Taliban eingeht. Als die wesentliche Grundzüge der Politik der Taliban erscheinen nun ihre religiös orthodoxen Vorstellungen, ihre diskriminierende Haltung gegenüber Frauen und ihr Engagement im Drogenanbau und -handel, die die ethnische Konfliktlinie als nur eine unter vielen erscheinen lassen. Desgleichen macht Olumi deutlich, welche maßgebliche Rolle die außenpolitische Einflussnahme im Afghanistan der 90er Jahre spielte. In diesem Zusammenhang hebt Olumi hervor, dass die Ursachen für den Ausbruch und die Kontinuität des Afghanistankriegs nicht allein bei den ausländischen Akteuren zu suchen sind, sondern "die Hauptschuld bei den Afghanen selber (liegt)" (S. 140). Durch diese Gesamtanalyse des Afghanistankonflikts hebt sich Olumi angenehm von vielen Afghanen ab, die sich immer wieder in einer kollektiven Opferrolle sehen. Diese Haltung Olumis wird vor allem in der Schlussbetrachtung deutlich, in der er die Bedeutung politischer Eliten hervorhebt, die einerseits die politischen, v.a. ethnischen Diskurse bestimmen und andererseits als Scharniere zwischen ausländischen Mächten und afghanischen Kriegsparteien fungieren.
Wenngleich der rote Faden im Lauf des Buches etwas verloren geht und die thematische Konzentration auf den Stellenwert von Ethnizität im afghanischen Bürgerkrieg nicht durchgehalten wird, handelt es sich dennoch um ein durchaus lesenswertes Buch. Besonders die Tatsache, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Afghanistankonflikt aus afghanischer Perspektive erfolgt, gibt dem Buch einen gewissen Reiz. Hierdurch gewinnt es eine Nähe und Authentizität, die nicht-afghanische Autoren kaum erreichen können. Conrad Schetter
Peripherie, Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt, 2003, Seite 538
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