Abstract
Steurer greift eine brisante Frage auf: Wie ist Wirtschaftswachstum angesichts begrenzter fossiler Ressourcen und ökologischer Risiken möglich, wünschenswert und sinnvoll?
Äußerst sachkundig und für eine Dissertation sehr ausführlich zeichnet er das Dauerthema nach, angefangen von den ersten Kontroversen Ende der 60er-Jahre bis zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte. "Das zentrale Ziel dieser Arbeit besteht nun darin, einen deskriptiven Überblick zum wissenschaftlichen und politischen Wachstumsdiskurs aus analytischer Perspektive zu geben." (20) So differenziert Steurer die Diskussionsverläufe auf der Ebene der Wissenschaft und Politik, unterteilt die Akteursgruppen in Wachstumspessimisten, -optimisten und -optimierer. Dazu arbeitet er eine Fallstudie, einen Vergleich der Diskursverläufe in Deutschland und den Niederlanden mit einigen Experteninterviews ein, um Parallelen und Unterschiede in der ökologischen Debatte aufzuzeigen.
Für den heutigen politischen Diskussionsstand stellt der Wissenschaftler fest: "Das Paradigma einer ausgewogenen Nachhaltigkeit mit wachstumsoptimistischer Tendenz [...] hat ab so gerade Politiker dort abgeholt und ein Stück in Richtung ökologischer Modernisierung mitgenommen, wo sie gestanden sind: bei einem ‚Basiskonsens' zu einem auf Wirtschaftswachstum aufbauenden Kapitalismus und Technozentrismus." (470) Die Idee der Nachhaltigkeit ohne explizite Wachstumsgrenzen sei politikkonform und baue eine Brücke zwischen ökonomischen und ökologischen Zielen. Letztlich fehle aber der politische Wille, so Steurer, vor dem Hintergrund der intergenerationellen Gleichheit die Energieversorgung auf eine erneuerbare Basis zu stellen.
Aus dem Inhalt: II. (Populär)Wissenschaftlicher Wachstumsdiskurs: 5. Theoretische und empirische Zielbeziehungen; 6. Soziale Wachstumskritik (Diskursstrang 1); 7. Ökologische Wachstumskonzepte 1 (Diskursstrang 2): Natürliche Grenzen des Wachstums; 8. Ökologische Wachstumskonzepte II (Diskursstrang 2): Qualitatives Wachstum und nachhaltige Entwicklung; 9. Kritik,
Reformvorschläge und Alternativen zum Sozialprodukt (Diskursstrang 3). III. Politischer Wachstumsdiskurs: Fallstudien zu Deutschland und den Niederlanden: 11. Bundesrepublik Deutschland; 12. Niederlande; 13. Politik, "Wachstumszwang" und Nachhaltigkeit: Deutschland und Niederlande im Vergleich.
ZPol-Bibliografie 3/03
Im Buch ‘Der Wachstumsdiskurs in Wissenschaft und Politik“ wird die überwiegend ökologisch motivierte Auseinandersetzung um die Möglichkeit und die Erwünschtheit von Wirtschaftswachstum von den späten 1960er Jahren bis zur Jahrtausendwende übersichtlich und detailliert zugleich aufgearbeitet. Das gut 500 Seiten umfassende Buch, dessen Literaturverzeichnis ebenso viele Einträge aufweist und damit die immens umfangreiche Wachstumskontroverse gut abdeckt, besteht aus vier Teilen mit folgenden Inhalten:
In Teil 1 werden neben den theoretischen Grundlagen (u.a. zum Gegenstand Wirtschaftswachstum und zu Konzepten der Policy-Analyse) auch der “sozioökologische“ Kontext (Umweltprobleme und Umweltbewusstsein) und die “sozioökonomische Vorgeschichte“ zur Wachstums-kontroverse behandelt. Im Zuge dessen wird auch das in den 1950er und 60er Jahren im Rahmen einer weitreichenden Wachstumseuphorie dominante Paradigma rein quantitativen Wachstums vorgestellt. Dieser Teil bietet eine Fülle von Informationen, die für das Verständnis der Kontroverse wichtig sind.
Darauf aufbauend analysiert der Autor in Teil II die wissenschaftliche Wachstumskontroverse. Um die Struktur der Auseinandersetzung deutlich zu machen, untergliedert der Autor den wissenschaftlichen Diskurs in die drei Kritikströmungen soziale Wachstumskritik, ökologische Wachstumskritik und Kritik am Sozialprodukt. Dank dieser Systematisierung behält die Analyse stets den Überblick über die höchst vielfältige Diskussion und vermittelt dem Leser die relevanten Paradigmen und Streitpunkte. Im Mittelpunkt dieses Teils steht - analog zum Wachstumsdiskurs selbst - die ökologische Wachstumskritik. Diese wird vom Autor in die zwei Paradigmen ‘Grenzen des Wachstums‘ (in den 1990er Jahren als starke Nachhaltigkeit bezeichnet) und qualitatives Wachstum (ausgewogene Nachhaltigkeit) unterteilt. Hier werden die widerstreitenden Paradigmen nicht einfach nur gegenübergestellt. Der Autor widmet auch der Kontroverse zwischen den Paradigmen breiten Raum. Am Ende des Teil II steht eine chronologisch aufgebaute Zusammenfassung des wissenschaftlichen Wachstumsdiskurses, in der Diskursphasen und Weiterentwicklungen des Wachstumsdiskurses klar herausgearbeitet werden. Dabei wird u.a. die Kontinuität zwischen dem vom Paradigma Grenzen des Wachstums dominierten Wachstumsdiskurs der 1970er Jahre und dem vom Paradigma einer ausgewogen Nachhaltigkeit dominierten “Nachhaltigkeitsdiskurs“ der 1990er Jahre betont.
In Teil III widmet sich der Autor dem Wachstumsdiskurs auf der politischen Ebene anhand der in dieser Hinsicht interessanten Länder Deutschland und Niederlande. Hier geht der Autor u.a. der Frage nach, wie sich der Wachstumsdiskurs in programmatischen Weiterentwicklungen politischer Parteien und Regierungen sowie in konkreten Policy-Veränderungen in den Bereichen Wirtschafts- und Umweltpolitik niedergeschlagen hat. Am Ende des Teil III steht ein bemerkenswerter Vergleich der beiden Länderstudien, in dem u.a. der politische Stellenwert von Wirtschaftswachstum herausgearbeitet wird.
In Teil IV vergleicht der Autor die wissenschaftliche und die politische Diskursebene und hebt schlussendlich Wechselwirkungen, Parallelen sowie Unterschiede hervor. Leider findet man eine derartige Zusammenschau von ideengeschichtlichen und politischen Entwicklungen nur selten.
Kurzum: All jene, die am neueren Diskurs um Nachhaltigkeit interessiert oder darin involviert sind, sollten sich diese komprimierte Schau wirtschafts- und umweltpolitischer Ideengeschichte nicht entgehen lassen. Erst dieser Blick zurück auf eine der wichtigsten und langwierigsten gesellschaftlichen Diskussionen des späten 20. Jahrhunderts lässt einen die gegenwärtig vorgebrachten Standpunkte für diese oder jene Form von Nachhaltigkeit in einen historischen Kontext setzen und damit besser verstehen. Im Klappentext heißt es zurecht, dass das Buch für all jene ein Muss ist, die am konfliktreichen Schnittpunkt Wirtschaft - Umwelt interessiert sind.
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