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Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e. V. (Hrsg.)

Naturschutz in den Neuen Bundesländern


Ein Rückblick - 2. verbesserte Auflage


Reihe: Akademische Abhandlung zur Raum- und Umweltforschung
ISBN 978-3-89700-312-5
2002
Preis: 44,90 €
705 Seiten

Buchcover


Abstract

"Bei der Wiedervereinigung 1990 standen nahezu ausschließlich die Leistungen und Aktivitäten der Umweltgruppen im Mittelpunkt, die unter dem Schutzdach der Kirche Widerstand gegen das DDR-Regime geleistet hatten. Nunmehr wird – und in dieser umfassenden Form zum erstenmal – die praktische Arbeit von ehrenamtlichen Naturschützern in den Mittelpunkt gestellt. Durch dieses Buch soll deutlich werden, welch immense Arbeit bei der Sicherung wertvoller Schutzgebiete sowie im praktischen Artenschutz geleistet worden ist. Mit dieser Arbeit vor Ort – und dies wurde bisher kaum beachtet und erwähnt – sind entscheidende Voraussetzungen für die Gründung der Nationalparke geschaffen worden, die zu Recht als großartige Errungenschaft kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch der DDR bezeichnet wurden. Aus dem Vorwort von Prof. Dr. Martin Uppenbrink, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz"

Aus der ZEITSCHRIFT MARXISTISCHE ERNEUERUNG, Nr. 51, 2002, S. 204
Die DDR war arm an wirtschaftlich verwertbaren Naturreichtümern und reich an pflanzlicher und tierlicher Mitlebewelt. Ihr Marxismus-Leninismus war reich an ökonomischen Erkenntnissen und arm an Einsichten in die Dialektik von Mensch und Natur. Was dabei an Politik für die Erhaltung des Lebensraums des real existierenden Sozialismus herausgekommen ist, liest man in dem von Regine Auster und Hermann Behrens redigierten dicken Sammelband zur Geschichte des Umweltschutzes in der DDR, nämlich: wenig. Die 35 Beiträge stammen fast ausschließlich von ehemaligen DDR-Bürger/inne/n aus unterschiedlichen sozialen Schichten, allesamt politisch-gesellschaftlich engagierte kritische Leute, deren politisches Spektrum weit gespannt ist und vom enthusiastischen Kommunisten bis zum sensitiven Antikommunisten reicht. Die Beiträge selber, alle fachkundig, reichen von der gefühlvollen Erlebnisschilderung bis zum trockenen Tätigkeitsbericht, überwiegend sind es lebendige Sachdarstellungen. So entstand ein für manchem Leser/in vermutlich teilweise neuartiges Bild der DDR: Hier gab es nicht nur (auf der einen Seite) Partei, Stasi, VEBs, LPGs, Künstler, Philosophen, Gesellschaftswissenschaftler und Datschen, sondern auch (auf der anderen Seite) den Thüringer Wald und das Elbsandsteingebirge, die Magdeburger Börde und die Havel-Seen, die mecklenburgische Seenplatte und die Boddenlandschaft, mit allerlei belebten Naturelementen, mit denen sich ganze Heerscharen von Botanikern, Dendrologen, Omithologen, Entomologen, Ichthyologen, Mykologen etc. beschäftigten, und schließlich gab es an den Rändern beider Seiten und dazwischen den Naturschutz und den naturbezogenen Umweltschutz. Letztere bestanden als drei Säulen: erstens als schwach besetzte und oft lahme staatliche Naturschutzverwaltung, lange Zeit unter dem Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, die nur verhältnismäßig selten, am ehesten auf Bezirksebene, für ihre Aufgaben zu begeistern war; zweitens als wissenschaftliche Forschungs- und Beratungstätigkeit, die um das sehr verdienstvolle Institut für Landes- (später: Landschafts-)forschung und Naturschutz (ILN) mit Hauptsitz in Halle zentriert war, welches der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften angehörte und Pionierleistungen in der Forschung hervorgebracht hat; und drittens in Form der Aktivitäten einer großen Zahl ehrenamtlicher Naturschützer, unter ihnen die auf Vorschlag des ILN berufenen Naturschutzbeauftragten der Bezirke, Kreise und evtl. Gemeinden, die insgesamt die Hauptlast der Erkundungs-, Erhebungs-, Dokumentations-, Instandhaltungs- und Überwachungsaufgaben trugen, die mit dem Natur- und Umweltschutz verbunden sind. Den Schwerpunkt des Sammelbands bilden Berichte über Arbeit und Erfahrungen dieser ehrenamtlichen Naturschützer, die meist in der Gesellschaft für Natur und Umwelt des Kulturbundes organisiert waren, aus verschiedenen Fachgebieten und aus einer Reihe von Kleinräumen. (87-303) Ausführlich wird auch über die Tätigkeit des ILN und seiner Außenstellen und seiner Lehrstätte Müritzhof sowie über andere wissenschaftliche Vorhaben berichtet. (307-453) Über den staatlichen Naturschutz war wohl nicht sehr viel zu sagen, wobei das, was gesagt wird, sowohl Fälle bürokratischer Reibungsverluste als auch solche engagierter Leistungsfähigkeit in staatlichen Verwaltungen beleuchtet. (Z. B. Wegener, 407-424) Selbstverständlich werden auch Probleme mit der Staatssicherheit berichtet, die sogar so blöde war, die Bildung eines Arbeitskreises "Choriner Endmoränenbogen" in der Gesellschaft für Natur und Umwelt, die durch einen gestandenen Antifaschisten initiiert worden war, "durch geeignete operative Maßnahmen" zu verhindern. (Gilsenbach, 543) Äußerst spannend zu lesen sind die Darstellungen zu den immer wieder unternommenen Versuchen, die Naturschutzstrategie der DDR, in deren Geschichte sich die Zahl der konservierenden Naturschutzgebiete immerhin von 150 auf 825 erhöhte, in Richtung auf einen umfassenden, landschaftspflegenden und - gestaltenden Naturschutz hin zu entwickeln, wozu das Landeskulturgesetz von 1970, das vom Prinzip bloß konservierenden Naturschutzes abrückte, immerhin Ansatzpunkte und Handhaben bot. (Behrens, 82; Auster, 49 1-495, 506-511) Das Gesetz ermöglichte auch die Einrichtung von "Landschaftsschutzgebieten von zentraler Bedeutung", aber die Jahrzehnte lang verfolgten Bemühungen von Naturschützern um die Einrichtung von Großschutzgebieten des Typs Nationalpark hatten erst im dramatischen Endspurt der DDR-Natur- und Umweltschutzpolitik 1990 Erfolg. Damals gelang erstmals die Schaffung auch einer Reihe von Nationalparken - auf der Grundlage von Erfahrungen und Vorarbeiten von DDR-Bürger/inne/n und mit Hilfestellung des Bonner Umweltministeriums. (Gilsenbach, 533-546; Rösler, 547-560 und 561-595; Müller Helmbrecht, 597-608 sowie der Schlussteil des Sammelbands) Warum die Partei- und Staatsführung in der DDR bis 1989 sich die Schande antat, auf eine Ausweisung und Pflege groß angelegter Nationalparke für den Erhalt der Landschaft und der Mitlebewelt zu verzichten, so dass der Ruhm dafür Herrn Töpfer zufiel, ist keineswegs ganz klar - es gibt in diesem Sammelband dazu einen klugen Aufsatz von Markus Rösler (547-560). Natürlich kosten Naturschutzmaßnahmen, zumal dieses Umfangs, Arbeit und Sachmittel, und es war für den DDR-Staat offenbar viel leichter zu bewerkstelligen, ein Jagdhaus mitten im größten Naturschutzgebiet bereitzustellen und auszustatten, in dem Herr Stoph (offizielle Bezeichnung: "der hohe Gast") seiner Jagdleidenschaft frönen konnte, als ein paar Arbeitsräume für den Naturschutz. Es war aber, worauf Rösler hinweist, auch die Ideologie der höchstmöglichen Nutzung der Fläche und somit möglichst auch ihrer Mehrfachnutzung, was davor zurückschrecken ließ, vorhandene große naturnahe Räume weitgehend der Natur selber zu überlassen. Nutzungen für die forstwirtschaftliche, die landwirtschaftliche und die Nahrungsgütererzeugung sowie für die Massenerholung gingen vor, ausgenommen "natürlich" die Zwecke des Militärs, der Sonder-Staatsjagd und der Grenzsicherung. Dass alle diese Nutzungen, vor allem die produktiven und konsumtiven, über die Flächenbeanspruchung hinaus weitere zerstörerische Wirkungen zeitigten - von der Überdüngung und der Luft- und Gewässerverschmutzung bis zur Bodenzerstörung und der Zersiedlung der Landschaft - und sich in der Bedrohung oder Vernichtung pflanzlicher und tierlicher Arten und in der Belastung oder Schädigung der Gesundheit der Menschen auswirkten ist aus der kapitalistischen Produktionsweise hinreichend bekannt, wurde aber in der sozialistischen aufgrund des herrschenden Produktions- und Technikfetischismus verschiedentlich durchaus überboten. Das zeigt sich nicht zuletzt an der - im wesentlichen von einem für kompetent gehaltenen Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Gerhard Grünberg, initiierten - Intensivierung der Landwirtschaft seit Ende der 60er Jahre, in der zunehmend Riesenbetriebe der nunmehr getrennt betriebenen Tier- und Pflanzenproduktion das Landschaftsbild bestimmten. Der Naturschutz musste sich deshalb (auch) in der DDR in den wirtschaftlich genutzten Gebieten auf "Schadensbegrenzung" (Illig u. a., 282) beschränken und konnte daher, "trotz hervorragender Naturschutzleistungen einzelner Persönlichkeiten auf allen Ebenen nur eine Art Flickenteppich schützenswerter Biotope erhalten". (Wegener, 422) Gleichwohl gab es diese Erfolge, und in den Beiträgen zu diesem Band wird auch gelegentlich darauf hingewiesen, dass solche Erfolge nach der "Wende" u. U. wieder zunichte gemacht wurden. (Z. B. Schlimme, 263-267; Wegener, 422) Jedoch war der Natur- und Umweltschutz in der DDR insgesamt in einer marginalen Position geblieben und viele seiner Schützlinge mussten dem Fortschritt der Gütererzeugung weichen, auch dann, wenn - was vielfach der Fall war - die ökonomische Kontraproduktivität produktionstechnisch induzierter Divastationen bekannt war. Dass die Zerstörung natürlicher Grundlagen des Wirtschaftens teuer zu stehen kommen kann, ließen sich die Administratoren der politischen Ökonomie - letztlich: die politische Führung des Landes - jedenfalls von Fachleuten des Naturschutzes kaum beibringen, allenfalls in Einzelfällen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. (Vgl. Hiekel, 354f; Klaafs, 330) Gab es denn keine anderen wissenschaftlichen Berater, die den Mitgliedern des Politbüros und des Ministerrats ein paar Grundweisheiten hätten beibringen können? Immerhin hatten Wirtschaftswissenschaftler ja eine Reproduktionstheorie entwickelt, in der die Substitution bzw. Regeneration eingesetzter Produktionselemente und der anzustrebende Nutzen gesellschaftlicher Produktion für Mensch und Natur in ökonomischen Kategorien gebührende Beachtung fanden - aber lediglich in ökonomischen Kategorien. Es wurde nicht verdeutlicht, dass die Reproduktion von menschlicher wie außermenschlicher Natur (einschließlich ihrer Beziehungsgeflechte) selber Voraussetzung jeglicher Produktion ist und ein produktives Moment enthält. Womöglich wurde ein Wissen davon einem seit den 70er Jahren dominierenden "westlichen" Wohlstandsmodell geopfert. Und was machten die marxistisch-leninistischen Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler? Mit wenigen Ausnahmen - unter anderen sind hier Horst Paucke, Hans Roos und Günther Streibel zu nennen - priesen sie die Meisterung der "wissenschaftlich-technischen Revolution", ohne jenen von Karl Marx hervorgehobenen Prozess zwischen Mensch und Natur zu bedenken, in dem der Mensch Stoffwechsel und Energieumsätze mit der Natur handhabt, oder sie faselten von einer "Dialektik von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften", in die keinerlei Widerspiegelung des geographisch-historischen Milieus einging, das Friedrich Engels immerhin zur "Basis" einer Gesellschaft gezählt hatte. Sie werden also die Kenntnisse und Bedenken der Gehölzforscher und Weißstorchschützer jedenfalls belächelt haben, da diese sich doch - im Unterschied zu den höheren Einsichten dieser Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler in die letzten Ursachen und die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten "der Geschichte" und die unbezweifelbaren Ziele von Gesellschaft und Politik - nur auf der Ebene des empirischen Bewusstseins befanden und sich zudem "nur" mit der Natur und so mit einem Sein befassten, von dem das gesellschaftliche Sein der Menschen, auf das es vor allem ankommen sollte, angeblich wesentlich verschieden war. Sie waren die miserabelsten Politikberater, die man sich denken kann. War nicht der spätere Leiter der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, als junger Werktätiger in einem Schnellkurs nicht nur in Betriebswirtschaftslehre und Planökonomie, sondern auch in Marxismus-Leninismus geschult worden? Eben, und damit sind wir wieder am Anfang. Zur DDR, dem an Ressourcen armen und ökologisch reichen Land, passte ihr Marxismus-Leninismus mit seinem Produktivkrafttick und seinem ökonomischen Formationswahn leider wie die Faust aufs Auge. Auch wenn sich der Leiter der Staatlichen Plankommission, ein kritischer Mensch, während seiner Amtstätigkeit von den tonangebenden Philosophen und Gesellschaftswissenschaftlern im Sinne ihres inzwischen fortgeschrittenen Marxismus-Leninismus hätte belehren lassen: Es hätte nicht genutzt, sondern geschadet. Wie Walter Langhammer einmal richtig sagte: "Das Ländchen hat sich angestrengt, hat unter schlechten Bedingungen einiges geschaffen..." (IMSF-AG Marx-Engels-Forschung, 9./10. Juni 1990) Aber seine politische Führung, die hehre Ziele verfolgte, hat sich keine Berater genommen, die klüger waren als sie selber. Bleibt hinzuzufügen, dass das Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung, das diesen Band herausgegeben hat, ein Studienarchiv Umweltgeschichte unterhält, das mittlerweile an der Fachhochschule Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) angesiedelt ist und das wichtige Bestände zur Rolle des Naturschutzes in Wirtschaft, Politik und Kultur der DDR und in der Nachwendezeit enthält, darunter seltene Zeitschriften, Briefwechsel von und mit Wissenschaftlern und neuerdings auch den Archivbestand der Zentralen Lehrstätte für Naturschutz Müritzhof der DDR. Für das Studium der Alltagsgeschichte dieses Landes, insbesondere der Geschichte der gesellschaftlich vermittelten Mensch-Natur-Beziehungen im real existierenden Sozialismus, enthält dieses Studienarchiv äußerst wichtige Quellen. KARL HERMANN TJADEN

Aus "Das Blättchen"- Zeitschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft; Nr. 24, Nov. 2002 Subversive Nische
Irgendwann muss Günter Gaus es aufgegeben haben zu erklären, wie er das verstanden haben wollte mit der Nischengesellschaft. Im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Erkundung Wo Deutschland liegt bemerkte er, dass er mit dem Begriff den Blick dafür hatte schärfen wollen, dass die Menschen in der DDR sich ihr privates Leben jenseits von staatlicher Reg-lementierung und ideologischen Dogmen einrichteten und sich darin in nichts von denen in der BRD unterschieden.
Das war 1986. Da sollte die große Zeit des Begriffs von der Nischengesellschaft erst noch kommen. Denn nach dem Untergang der DDR begehrte so mancher, in der Nische gelebt zu haben. Der Begriff war brauchbar zur Erklärung und Rechtfertigung, wie man es in der DDR hatte aushalten und überleben können, ohne sich auf sie eingelassen zu haben. Wissenschaftlern diente er dazu, die Gesellschaft der DDR leicht fasslich abzubilden. Politiker umwarben ehemalige DDR-Bürger, indem sie diese mit dem Begriff von vermeintlicher Schuld freizusprechen suchten. Hier die Nischenbewohner, da die SED-Diktatoren. Wobei das Bild von der Nische ganz nebenbei noch so ein heimeliges Gefühl vermittelt.
Die aparteste Nischenbewohnerin, die mir begegnet ist, war jene Frau, die ohne jede Ironie behauptete, mit ihrer Arbeit ausgerechnet bei der Studentenzeitung Forum habe sie sich in einer Nische befunden. Welch absonderliche Rechtfertigung, mit ihrem beruflichen Tun nicht wirklich in der DDR dabei gewesen zu sein. Und dennoch enthält sie einen wahren Kern.
Denn die Kennzeichnung eines Platzes als Nische sagt noch wenig darüber aus, wie abseitig oder inmitten eines gesellschaftlichen, institutionellen oder geographischen Raumes oder Zwischenraumes die Nische liegt. Sagt auch nichts über das Selbstverständnis und Tun ihrer Bewohner.
Der Begriff ist seinem Erfinder gewissermaßen davongelaufen, spiegelt er doch so trefflich einen ganz banalen Sachverhalt jeder modernen Gesellschaft. Dass nämlich kein Mensch sich sein Leben in der Komplexität einer Gesellschaft einrichten kann. Er mag wohl global denken; aber global leben kann er nicht. Er mag aus ökologischer Einsicht seinen Hausmüll trennen und gesondert entsorgen. Aber er vermag aus der Nische seiner Küche heraus nicht, die Logik der Müllproduktion umzukehren. In der Nische seiner Küche kann er sich zwar ein gutes Gewissen machen, sich dabei aber gar leicht darüber hinwegtäuschen, dass Mülltrennung ausgesprochen lohnend für die Produzenten von Verpackungen und für die Müllverwerter ist. Aber von einer DDR-Nische soll die Rede sein. Ein Buch ruft sie in Erinnerung und stößt damit auf solch lebhaftes Interesse, dass es bereits in zweiter Auflage erschien: Naturschutz in den Neuen Bundesländern - Ein Rückblick. Der Titel gibt sich ein bisschen geniert, denn natürlich geht es nicht um einen Rückblick auf die ostdeutschen Länder. Der hätte noch Weile. Vielmehr handelt das Buch von der Geschichte des Naturschutzes in der DDR.
Viel gerühmt wird immer noch wieder das Tafelsilber, das die DDR in die Bundesrepublik mitbrachte, ihre Nationalparks. Das Buch erzählt, wie dieses Tafelsilber in Jahrzehnten zusammengetragen und gehütet wurde, wie seine Hüter 1990 alles daran setzten, es noch vor der deutschen Vereinigung und damit drohender Vernutzung unter gesetzlichen Schutz zu stellen. Das Buch versammelt Abhandlungen über den institutionellen Rahmen und die wissenschaftliche Fundierung des Naturschutzes in der DDR sowie Erinnerungen und Berichte der ehrenamtlichen Naturschützer. Diese ehrenamtlichen Naturschützer darf man getrost als die Nischenbewohner der DDR bezeichnen. Es würde sie nicht kränken. Viele von ihnen wünschten, mit gesellschaftlichen Problemen und mit Politik nicht behelligt zu werden. Sie wollten in ihrer Freizeit "nur" ihren Interessen nachgehen. Sie kümmerten sich um die Kartierung von Tieren und Pflanzen, um den Schutz von Wiesen und Wäldern. Sie mahnten vor der Zerstörung von Landschaft durch Braunkohlenabbau - und waren damit also hochpolitisch.
Was Wunder, dass sie von SED-Funktionären argwöhnisch betrachtet wurden. Im Präsidialrat des Kulturbundes sprach Alexander Abusch 1952 schon mal abschätzig von den "Tümpelgängern", wenn er die Naturschützer meinte. In den achtziger Jahren dann durfte sich die SED vor deren subversivem Tun fürchten. Es liegt in der Sache, dass sich gerade aus dem Bemühen, Umwelt und Lebensgrundlagen der Menschen zu bewahren, zwangsläufig die Reformbewegung zur Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Verfassung der DDR entwickelte. Die Ironie der Geschichte: Die Naturschützer der DDR wirkten unter dem organisatorischen Dach und der ideologischen Obhut des Kulturbundes. Das war von der SED so gewollt, und den Naturschützern gefiel es auch. Wollte etwa ein Ornithologe zu einem vogelkundlichen Lehrgang reisen, bekam er von seinem Betrieb dafür eine Freistellung - ohne auf Lohn verzichten zu müssen. Den Lehrgang selbst finanzierte der Kulturbund mit den Mitteln, die er reichlich aus dem Staatshaushalt zur Verfügung hatte. Das heißt, der Staat finanzierte noch die Nischen, in denen seine Bürger im nachhinein so gerne ohne ihn ihr Leben verbracht haben wollten. ULRIKE KÖPP


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