Abstract
Seit einigen Jahren erlebt das Thema der Freimaurerei im deutschsprachigen Raum erneut Konjunktur. Dies gilt insbesondere auch für die Neuen Bundesländer, in denen das Thema lange Zeit Tabu war.
Der vorliegende Beitrag rekonstruiert auf der Basis unveröffentlichter oder bislang kaum verwerteter Quellen die Geschichte der sächsischen Freimaurerlogen, speziell der Chemnitzer Loge "Zur Harmonie" vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in das Reichsgründungsjahrzehnt.
Die Arbeit bietet - ganz auf der Höhe des Forschungsstandes - einen knappen aber informativen Überblick über Ursprünge und Geschichte der Freimaurerei in Deutschland. Eingeführt wird dieses Kapitel durch eine Betrachtung der spezifischen Nähe von Freimaurerei und Aufklärung, die trotz aller inhaltlichen Gemeinsamkeiten und personeller Überschneidungen nicht als Identität begriffen werden darf.
Im weiteren verfolgt sie die Entwicklung der Maurerei in ihren abwechselnden Phasen des Aufschwungs - einhergehend mit Phasen des Aufschwungs einer liberal-bürgerlichen und relativer politischen Freiheit - und der Stagnation - eher in Zeiten politischer Reaktion. Dabei fällt auf - und das wird von den regionalen und lokalen Forschungsergebnissen der Verfasserin untermauert -, dass die Freimaurerei zunehmend bürgerlicher wird und ihren Charakter als Forum adlig-bürgerlicher Selbstverständigung allmählich einbüßt. Sie folgt damit allen wesentlichen Trends und Moden, die auch aus der mittlerweile gut erforschten Bürgertumsgeschichte, speziell der Vereinsgeschichte, bekannt sind.
Für das Umfeld fier Chemnitzer Loge zeigen sich Einblicke in interessante Entwicklungen und Zusammenhänge zur gesellschaftlichen Entwicklung in Sachsen in sachlicher als auch in personeller Hinsicht. Verwiesen sei hier nur auf das eigentümliche Verhältnis zur katholischen Staatsführung: Führende Mitglieder der Logen standen in höchsten Staatsdiensten und stellten somit in Personalunion eine Verbindung zum Staat her; ein königliches Protektorat aber - wie etwa in Preußen - konnten die sächsischen Logen nie erlangen. Das verbot offensichtlich die konfessionelle Bindung des Königshauses, das sich offenbar der massiv antifreimaurerischen Haltung der katholischen Kirche beugte.
Die Geschichte der mit den Jahrzehnten immer bedeutender werdenden Chemnitzer Loge "Zur Harmonie" - die vom Wirtschaftsbürgertum der seit der Wende zum 19. Jahrhundert aufsteigenden Gewerbe- und Industriestadt geprägt wurde - , basiert gänzlich auf deren Quellen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und trägt damit nicht unerheblich zur Erweiterung des Kenntnisstands zum bürgerlichen Vereinswesen in Chemnitz bei.
Neben der Beschreibung der Logenstandorte, Wohltätigkeitspflege und Stiftungen oder des kurzlebigen Engagements zur Förderung eines Belehrungs- und Unterhaltungsvereins für Arbeiter 1847/48, werden auch die Krisen der Logenentwicklung skizziert und auf unterschiedliche Ursachenkomplexe zurückgeführt. Besonders die Krise der 1830er Jahre führt die Verfasserin auch auf die verstärkte Konkurrenz eines nun prosperierenden bürgerlichen Vereinswesen in Chemnitz zurück; eine durchaus neue und bedenkenswerte These.
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