Schulte, Karl-Sebastian
Positionen und Perspektiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg
Eine kritische Bestandsaufnahme der Landesrundfunkanstalten Sender Freies Berlin und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg
Reihe:
Akademische Abhandlung zu den Politischen Wissenschaften
ISBN: 978-3-89700-226-5
1999
Preis: 34,90 €
190 Seiten
Abstract
Der beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich öffentlich-rechtlich konzipierte Rundfunk befand sich Mitte der achtziger Jahre mit der Etablierung des „dualen Systems“ in einem radikalen Strukturumbruch, der noch immer fortwirkt. Die Angebotserweiterung durch den Markteintritt kommerzieller Anbieter hat die Wettbewerbsparameter der öffentlich-rechtlichen Anstalten tiefgreifend verändert. Sie sehen sich seither einer vollkommen neuen Umweltsituation gegenüber - einem durch Konkurrenz, Wettbewerb und Infragestellung ihrer Legitimation geprägten Rundfunk- markt. Gleichzeitig kündigt sich am Horizont ein weiterer revolutionärer Umbruch der Medienlandschaft an. Unter den Schlagworten von Digitalisierung und Konvergenz wird der Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft diskutiert, werden neue Ordnungsmodelle jenseits der dualen Rundfunkordnung gesucht und die Besitzstände des öffentlich-rechtlichen Systems abermals verschärft in Frage gestellt.
Vor allem die in der ARD zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten sehen sich in letzter Zeit steigender Kritik aus Öffentlichkeit, Politik und von seiten der kommerziellen Rundfunkanbieter ausgesetzt. Aus den Forderungen nach Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Modernisierung erwuchs das Vorhaben der sogenannten „ARD-Strukturreform“. In der Binnenperspektive der ARD betrifft sie insbesondere die kleinen und mittleren Anstalten, die aufgrund ihrer begrenzten Ressourcen ohnehin überdurchschnittlich stark durch die Einführung des dualen Systems unter Druck gesetzt wurden, innerhalb der Arbeitsgemeinschaft strukturell benachteiligt sind und deren Eigenständigkeit nun zur Disposition steht. Dazu gehören auch der Sender Freies Berlin (SFB) und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB).
Die Lage der beiden nachbarlichen Landesrundfunkanstalten SFB und ORB ist neben den gesamtstrukturellen Schwierigkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der ARD aber noch durch weitere, spezifisch geographische, soziopolitische und historische Besonderheiten der in mehrfacher Hinsicht atypischen Region Berlin-Brandenburg gekennzeichnet: tiefgreifende Mentalitätsunterschiede, sozioökonomische Stadt-Land-Disparitäten, eine gescheiterte Länderehe und ein rasant beide Länder verflechtender Speckgürtel prägen die Region. Auch der Mediensektor zeigt besondere Züge: Zwischen beiden Bundesländern existiert eine latente medienwirtschaftliche Standortkonkurrenz.
Berlin und sein enger Verflechtungsraum gelten als einer der hart umkämpftesten Rundfunkmärkte der Republik. Schließlich erhält die neue Hauptstadt mit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin einen enormen Zuwachs an medialer und medienpolitischer Bedeutung, der gegenwärtig erst in Ansätzen erkennbar wird. Bislang verfügen sowohl Berlin als auch Brandenburg über eigene Landesrundfunkanstalten. Der Versuch, nach der Wiedervereinigung eine Mehrländeranstalt zu errichten, scheiterte an politischem Widerstand. Die mißglückte Länderfusion vereitelte 1996 erneut ein Zusammengehen. Beide Anstalten gehören zum Kreis der kleinen ARD-Sender, sind aber ansonsten im Hinblick auf ihre Entstehungsmotivation, Wirtschaftsdaten, Institutionskultur sowie dem dahinter liegenden Anstaltskonzept, und nicht zuletzt im Bezug auf die Hörer- und Zuschauerklientel, die sie bedienen, höchst unterschiedlich. Ordnungspolitischer Druck und enge finanzielle Ressourcen haben dennoch zu einer kontinuierlich gesteigerten Zusammenarbeit geführt. Eine Anstaltsfusion wird immer wieder diskutiert.
Die Kontextualisierung, Problemanalyse und kritische Bewertung der Positionen und Perspektiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Berlin-Brandenburg im Rahmen dieser Zusammenhänge und vor dem Hintergrund einer Grundthese des Strategischen Managements, die besagt, daß eine Kompatibilität zwischen Umwelt, Strategie und Struktur die Grundvoraussetzung für Erfolg und Zukunftsfähigkeit darstellt, ist Inhalt dieser Studie. Dabei zeigt sich, daß sowohl das duale Rundfunksystem der Bundesrepublik und sein öffentlich-rechtlicher Teilsektor insgesamt, als auch, in verstärktem Maße, seine konkrete regionale Ausformung in Berlin und Brandenburg mit den beiden Landesrundfunkanstalten Sender Freies Berlin und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg ein vielfältiges Anschauungsmaterial für falsche oder unzureichende Strukturentscheidungen, eine ungenügende Umweltanpassung und mangelnde Strategiefähigkeit bieten. Zukunftschancen werden dadurch geschmälert, potentielle Perspektiven verbaut.
Bestellung
|
webmaster@vwf.de
|