Abstract
Die Katholische Kirche Polens war die einzige Kirche im Ostblock, die von den kommunistischen Machthabern nicht gleichgeschaltet werden konnte. Ihre Existenz und Stärke beeinflussten die Geschichte Polens im Zeitraum 1945-1989 entscheidend; sie erschwerten nicht nur die Beherrschung der Gesellschaft durch die Kommunisten, sondern beflügelten auch, besonders seit den siebziger Jahren, die Opposition im Kampf gegen das System bis zum endgültigen Sieg 1989. Vor diesem Hintergrund verwunden es nicht, dass sich insbesondere seit 1989 zahlreiche polnische Historiker der Erforschung der Kirchengeschichte und vor allem der Beziehungen zwischen Staat und Kirche im kommunistischen Polen widmen. Die Öffnung der staatlichen, und der relativ problemlose Zugang zu den meisten kirchlichen Archiven ermöglichen eine tief greifende Auseinandersetzung mit dieser Thematik. ...
Mit dem von Bernard Wiaderny herausgegebenen Band wurden zum ersten Mal Quellen zur polnischen Kirchengeschichte der Nachkriegszeit in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Wiaderny beschränkte sich nicht darauf, die wichtigsten Dokumente aus der Raina-Edition auszuwählen und zu übersetzen, vielmehr fügte er weitere Quellen aus anderen Editionen, Printmedien und Archiven hinzu. Einige von ihnen wurden überhaupt zum ersten Mal veröffentlicht. Nur in Einzelfällen wurden dagegen Quellen berücksichtigt, die bereits in Deutschland veröffentlicht wurden, zum Beispiel in den Archivbeilagen der Zeitschrift "Osteuropa". Entgegen dem Titel handeln die in der Edition veröffentlichten Quellen nicht von der vielschichtigen und vielfältigen Geschichte der katholischen Kirche in der Volksrepublik Polen. Vielmehr fokussieren sie ausnahmslos auf nur einen, wenn auch den zweifelsohne wichtigsten Aspekt dieser Geschichte: auf die Beziehungen zwischen Staat und Kirche.
Der Charakter der im Band vorgestellten Quellen ist unterschiedlich. Es gibt wichtige Artikel aus der kirchlichen Presse, Kommuniqués, Hirtenbriefe, Denkschriften, Ansprachen, private Korrespondenzen und Tagebuchaufzeichnungen der Bischöfe, Protokolle, Beschlüsse, Kommuniqués und interne Dokumente der kommunistischen Führung, Protokolle, Berichte und Notizen aus Unterredungen zwischen Vertretern der Kirche und des Staates und schließlich Texte der wichtigsten Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche. Wiaderny wählte insgesamt 79 Quellen aus, die er in fünf chronologisch gestaltete Kapitel aufteilte....
Jede Auswahl kann mehr oder weniger beanstandet werden, die Auswahl Wiadernys lässt einige Zweifel aufkommen. So ist das Übergewicht der Quellen aus den in politischer und kirchenpolitischer Hinsicht am meisten bewegenden Etappen der volkspolnischen Geschichte 1945-1956 und 1980-1989 zwar verständlich, aber die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Quellen aus diesen Jahren und aus dem übrigen Zeitraum (59 zu 20) scheint dennoch zu groß zu sein. Mehr Beachtung sollte man z.B. dem Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe von 1965 und seinen Auswirkungen schenken. Zwar stellt Wiaderny drei Dokumente zu dieser Problematik vor, sie spiegeln aber nur bedingt das Ausmaß der antikirchlichen Kampagne der Kommunisten nach dem Briefwechsel wider, die alle anderen antikirchlichen Maßnahmen zwischen 1956 und 1989 übertraf. Kaum thematisiert werden auch die Konflikte des Millenniumjahres 1966. Aus den innenpolitisch sehr bewegenden Jahren 1968-1970 wird lediglich ein sehr kurzer Dokumentenabschnitt vorgestellt,
die Papstwahl 1978 und der erste Papstbesuch 1979 werden trotz ihrer enormen kirchen- und innenpolitischen Bedeutung völlig ausgeklammert. Es bleibt auch die Frage offen, ob es im Falle einer einbändigen Quellenedition, in die zahlreiche wichtige Quellen zwangsläufig nicht aufgenommen werden können, sinnvoll ist, neben vielen relativ kurzen, auch ein 47 Seiten langes Dokument abzudrucken (Stenogramm des Gesprächs zwischen Gomulka und Wyszyfiski vom 26. März 1963). Die Entscheidung des Hrsg., auf die Berücksichtigung selbst wichtiger Quellen zu verzichten, falls sie in der deutschen Übersetzung bereits veröffentlicht wurden, kann man nachvollziehen; es ist jedoch schade, dass abgesehen von einigen Hinweisen im Vorwort keinerlei Auflistung solcher Quellen samt bibliographischer Angaben angeboten wird. So wird der Leser kaum Zugang zu diesen Quellen in Ergänzung zu denen der Wiaderny-Edition finden.
An der übersetzerischen Leistung Wiadernys ist nichts auszusetzen, es gelang ihm fast immer, den Inhalt der Dokumente getreu wiederzugeben, und oft sogar den charakteristischen Stil ihrer Autoren zu vermitteln. Hilfreich sind die kurzen Einführungskommentare zu manchen Quellen und die zahlreichen Anmerkungen mit Erklärungen verschiedener Textstellen. Das Personenregister wurde sorgfältig zusammengestellt, dagegen enttäuscht leider das gerade bei Quelleneditionen sehr hilfreiche, in diesem Fall aber lediglich 19 Begriffe umfassende Sachregister.
Die von Wiaderny veröffentlichte Quellenedition ist auf jeden Fall hoch einzuschätzen. Deutschsprachige Forscher, die sich mit der Kirchengeschichte Polens beschäftigen werden, werden darin zahlreiche einschlägige, gut übersetzte und knapp, aber kompetent kommentierte Quellen finden. Gleichzeitig muss aber bedauert werden, dass der Hrsg. seine Quellenedition nicht noch sorgfältiger vorbereitete. In der vorliegenden Fassung ist sie ausbau- und korrekturbedürftig, wenn sie als Standardhilfsmittel für deutschsprachige Polenforscher gelten soll. Robert Zurek, Berlin
Jahrbücher für Geschichte Osteuropa 54 (2006), Heft 4, Seite 603
Welche Rolle spielte die katholische Kirche im sozialistischen Polen?
Zu dieser, für die Analyse von Gesellschaft und Staat der Polnischen Volksrepublik elementar wichtigen Frage liegt jetzt eine Quellensammlung in deutscher Sprache vor. Die Dokumente sind nach Perioden geordnet: Stalinismus (1945-1956), Ara Gomulka (1956-1970), Dekade Giereks (1970-1980), Zwischen Streik und Kriegsrecht (1980/81) und Endstadium (1981-1989).
Die Aufteilung zwischen kirchlichen und staatlichen Quellen ist etwa gleichgewichtig. Anhand der veröffentlichten Materialien lässt sich einerseits die politische Entwicklung der Volksrepublik Polen und andererseits die herausgehobene Stellung der katholischen Kirche als gesellschaftlicher Gegenmacht zum sozialistischen Herrschaftssystem nachvollziehen. Gerade im Vergleich mit Dokumenten zur Beziehung zwischen Kirche und Staat in der DDR wird dies deutlich, schon der Tonfall der kirchlichen Schreiben ist in Polen viel offensiver.
Sehr aufschlussreich ist unter anderem das Protokoll eines recht konfrontativen Gespräches zwischen dem polnischen Primas Wyszyinski und dem ersten Sekretär der polnischen Arbeiterpartei Gomulka aus dem Jahr 1963. Insgesamt handelt es sich um eine verdienstvolle Edition, die leider durch einige Mängel in der Übersetzung und der textlichen Gestalt gekennzeichnet ist. Ein Personenverzeichnis erleichtert die Arbeit mit dem Band, das Sachregister hat eher fragmentarischen Charakter. LA
ZPol 2/0, S. 604
Das halbe Jahrhundert kommunistischer Herrschaft in Polen hat einen riesigen dokumentarischen Nachlaß hinterlassen, der vielfach auch die kirchlichen Verhältnisse dieses Zeitalters widerspiegelt. Die Gliederung der von Bernard Wiaderny hier zumeist nur in Auszügen veröffentlichten 79 Dokumente zur katholischen Kirche ist chronologisch und folgt den verschiedenen Etappen des Regimes. Es stellt sich dabei jedoch die Frage, ob dieses Vorgehen den rein kirchlichen Problemen tatsächlich den gebotenen Raum bietet. Die bisherige dem kommunistischen Zeitalter gewidmete Kirchengeschichtsschreibung hat gezeigt, daß die katholische Kirche in Polen anders als in anderen Volksdemokratien trotz starker staatlicher Repressionen im Laufe der Zeit eine große, dem Kommunismus im gesellschaftlichen Raum zuwiderlaufende Selbständigkeit erringen konnte. Diese besondere Rolle der Kirche im kommunistischen Polen hätte für die deutschen Leser etwas ausführlicher dargestellt werden können, als es hier geschehen ist. Auch hätte die Edition, um den polnischen Verhältnissen gerecht zu werden, stärker an den Phasen der kirchlichen Entwicklung orientiert und folglich den kirchlichen Archivbeständen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden müssen. Genuin kirchliche Quellen finden sich hier nämlich nur sehr vereinzelt.
Damit ist ein grundsätzliches Problem berührt: Die meisten der erschienenen und weiter erscheinenden Quellensammlungen zur polnischen Kirchengeschichte der kommunistischen Ära stützen sich vorwiegend auf Dokumente aus dem Institut des Nationalen Gedenkens und anderen staatlichen Archiven. Die kirchlichen Archive dagegen öffnen sich nur zögernd. Daher muß gesagt werden, daß es bislang keine vollständige Grundlage für eine verläßliche Erforschung der Kirchengeschichte Polens in den Jahren 1945-1989 gibt.
Auch die von Peter Raina herausgegebene dreibändige Sammlung "Kosciól katolicki a panstwo w swietle dokumentów" (Die Katholische Kirche und der Staat im Lichte der Quellen, Poznan 1994-96) ist keineswegs vollständig und entbehrt dazu noch eines kritischen Apparats, was ihre Verwendung methodologisch fragwürdig macht.
Der allmählich erfolgenden Öffnung der staatlichen Archive muß somit auch die der kirchlichen folgen. Nur die gleichzeitige Berücksichtigung dieser beiden Quellengattungen kann eine solide Forschung zu dem fraglichen Problembereich gewährleisten. Entsprechend muß auch die vorliegende Edition bewertet werden. Sie gibt den Lesern außerhalb Polens einen überzeugenden ersten Einblick in die Geschichte des polnischen Katholizismus während der kommunistischen Ära, als Grundlage zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema ist sie indes kaum geeignet. Dessen scheinen sich jedoch sowohl der Hrsg. als auch der Verlag vollkommen bewußt zu sein. Lublin, Zygmunt Zielinski
Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 54 (2005) Heft 2, S. 304
Zwischen Nationalismus und Versöhnung
Bernhard Wiaderny hat mit seinem Buch "Die katholische Kirche in Polen (1945 bis 1989)" eine wichtige Quellenedition vorgelegt. ...
Die wechselvollen Beziehungen zwischen Staat und Kirche im kommunistischen Polen zeichnet der polnische Historiker Bernhard Wiaderny in den rund 80 Dokumenten seiner Quellenedition nach. Die Öffnung der Archive nach dem Ende des kommunistischen Regimes in Polen erlaubte zwar eingehende Forschungen, wenige Dokumente liegen jedoch in einer deutschen Übersetzung vor.
Hier schließt Wiaderny eine wichtige Lücke. Bei der Auswahl der Dokumente für die Edition "war das Prinzip der Erstveröffentlichung in der deutschen Sprache ausschlaggebend", schreibt Wiaderny, ...
MOZ, (Märkische Oder Zeitung), 28./29. Januar 2006, S.2
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